„Das Licht macht Mut“ – Landesbischof Meyns zum Heiligen Abend

24. Dezember 2018
Dr. Christoph Meyns. Foto: Evang. Landeskirche Braunschweig.
Braunschweig. An Gottes Gegenwart in unserem persönlichen Leben und in den gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit hat Landesbischof Dr. Christoph Meyns in seiner Predigt am Heiligen Abend erinnert. Das Licht von Weihnachten könne uns Mut und Hoffnung geben, sagte er im Braunschweiger Dom. Das teilt die Ev.-luth. Landeskirche mit.

Es gebe gute Gründe, Gott jeden Tag zu danken für das Gute, was wir erleben und seine Güte weiterzugeben an Menschen, die unsere Hilfe nötig haben. Angesichts der Zunahme menschenfeindlicher Parolen und Hetze gegen Minderheiten gehe es darum, „sich mit aller Kraft einzusetzen, dass Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit erhalten bleiben“.

Es gibt viele Herausforderungen

Darüber hinaus gebe es viele Herausforderungen, die bewältigt werden müssten: Kriege und Bürgerkriege, Fluchtbewegungen, der Abschied von fossilen Brennstoffen, mangelnde Gerechtigkeit, der wissenschaftliche und technische Fortschritt oder der digitale Wandel.

Vor diesem Hintergrund erinnerte der Landesbischof an das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“, das vor 200 Jahren von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber in Oberndorf bei Salzburg geschrieben wurde. Es sei ein Trostlied inmitten des Elends nach dem Ende der napoleonischen Kriege gewesen und setze in diesem Sinne sein segensreiches Wirken bis heute fort, so Meyns.

Die Predigt von Landesbischof Dr. Christoph Meyns zum Heiligabend 2018 im Wortlaut:

Liebe Weihnachtsgemeinde!
I.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ So haben wir es eben in der Weissagung des Propheten Jesaja gehört. Entstanden sind diese Worte in finsterer Zeit. Die Armee des assyrischen Königs hatte den Norden Israels erobert. Die Oberschicht wurde deportiert, die Opferstätten zerstört, das religiöse und kulturelle Leben vollständig ausgelöscht.

Nur diejenigen unter uns, die älter als 80 Jahre sind, können sich daran erinnern, was es bedeutet, wenn ein ganzes Volk im Finstern wandelt, wenn Menschen einer Ideologie blind folgen, wenn Mitgefühl, Liebe, Gerechtigkeit und in Jahrtausenden gewachsene kulturelle Werte innerhalb kürzester Zeit ausgelöscht werden, wenn Terror und Krieg herrschen, wenn eine Stadt durch Bomben zerstört wird, wenn Lebensmittel knapp sind, wenn der Vater nicht aus dem Krieg zurückkommt.

Drei Generationen später wachsen unsere Kinder in einer Welt auf, in der Straßenlaternen die Dunkelheit der Nacht vertreiben und sich unsere Zimmer per Lichtschalter jederzeit taghell erleuchten lassen. Sie erleben Frieden und Wohlstand, medizinische Versorgung, technische Hilfsmittel und Lebenschancen in einem Ausmaß, von dem die Menschen früherer Zeiten nicht einmal zu träumen wagten.

Angesicht der Nörgelei, der Klagen und der Schwarzseherei mancher Zeitgenossen wird man von den Worten des Propheten Jesaja her deshalb zu allererst mahnen müssen: Es gibt gute Gründe, Gott jeden Tag zu danken für all das Gute, was wir erleben. Es gibt keinen Grund für eine Anspruchshaltung, die meint, es müsse einem selber immer noch besser gehen als jetzt schon. Es gibt viel Grund für Bescheidenheit, die darum weiß, was wir den Generationen vor uns verdanken und dass es der Mehrheit der Menschen auf dieser Welt wesentlich schlechter geht als uns. Es gibt angesichts der Zunahme menschenfeindlicher Parolen und der Hetze gegen Minderheiten viel Grund, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit erhalten bleiben. Und es gibt viel Grund, die Güte, die wir jeden Tag aufs Neue erfahren, an Menschen weiterzugeben, die unsere Hilfe bitter nötig haben. Zum Beispiel mit der Kollekte für Brot für die Welt an die Menschen in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Erde.

II.
Aber auch das ist wahr: Es ist wohl keiner unter uns, der nicht schon finstere Zeiten erlebt hätte, eine Krankheit, ein Unfall, ein Schicksalsschlag, Lebensbrüche, Trennungen, Enttäuschungen, berufliches Scheitern, Streitigkeiten, Schulden, Überforderungen.

Und bei allem Frieden und allem Wohlstand stehen wir vor Umbrüchen, von denen noch keiner weiß, wie sie unsere Gesellschaft am Ende verändern werden: geopolitische Machtverschiebungen, Kriege und Bürgerkriege, davon ausgelöste Fluchtbewegungen, Probleme nachhaltigen Wirtschaftens, der notwendige Abschied von fossilen Brennstoffen, Themen sozialer Gerechtigkeit, die Erosion gesellschaftlicher Institutionen, wissenschaftliche und technische Fortschritte, digitale Revolution und Robotik.

Woher aber kommt jenseits von Straßenlaternen und Lichtschaltern das Licht, von dem Jesaja spricht? Das Licht, dass unsere Dunkelheit erhellt? Das Licht, dass wir brauchen, um finsteren Zeiten standzuhalten und Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden? Der Prophet Jesaja berichtet von der Geburt eines Kindes. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich.

„Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“, das sind die Ehrentitel eines ägyptischen Pharaos. Er wurde als Sohn Gottes verehrt. Seit jeher haben Christen diese Worte als Weissagung verstanden, die Jesus von Nazareth ankündigt. Mit seiner Geburt ist Gott selbst auf die Welt gekommen. Indem wir dem Kind in der Krippe begegnen, begegnen wir dem Licht Gottes. Immer wieder haben das Menschen erfahren, etwa in der Zeit der Napoleonischen Kriege.

III.
Es ist der 11. Dezember 1792. Im Armenhaus in Salzburg in der Kaigasse 9 kommt Joseph Mohr zur Welt als uneheliches Kind der Strickerin Anna Schoiber. Die Mutter gibt gegenüber den Behörden den Soldaten Franz Mohr als Vater an. Er hatte sie noch während der Schwangerschaft im Stich gelassen und fällt später in einer der Schlachten gegen Napoleon. Der Sohn hat ihn nie kennengelernt.

Joseph wächst bei der alleinerziehenden Mutter mit drei weiteren Geschwistern in ärmlichsten Verhältnissen auf. Inmitten der Not wird ihm die Musik zum Licht, das sein Leben hell macht. Er singt gern und fällt auf mit seiner Knabenstimme. Der Chor des Salzburger Doms nimmt ihn auf. Dort singt er ähnlich wie ihr in der Kurrende heute hier im Braunschweiger Dom. Der Chorleiter heißt Michael Haydn, Bruder des berühmten Joseph Haydn. Der macht den Domchorvikar Johann Nepomuk Hiernle auf den Jungen aufmerksam und der wiederum fördert Joseph. Er darf auf das Gymnasium, kann Theologie studieren und wird Priester.

Nach der Priesterweihe wird Joseph Mohr als Hilfsgeistlicher in Ramsau und Mariapfarr eingesetzt. Es sind dunkle Zeiten. Österreich hat den Krieg gegen Napoleon verloren. Das Fürsterzbistum Salzburg büßt seine Selbständigkeit ein und muss Gebietsteile an Bayern abtreten. Die Bevölkerung ächzt unter den kriegsbedingten Lasten. Dann ist der Krieg endlich vorbei, da wird die Welt im wahrsten Sinne des Wortes finster. 1815 explodiert der Vulkan Tambora in Indonesien. Asche verdunkelt die Atmosphäre und führt zu einem vier Jahre lang währenden jähen Temperatursturz mit Missernten und Hungersnöten auf der ganzen Welt. Der Schnee, der über Österreich fällt, ist gelb vom Schwefel. In dieser Zeit schreibt der junge Priester Joseph Mohr ein Gedicht: „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht, nur das traute hochheilige Paar, holder Knabe im lockigen Haar.“ Inmitten all des Elends und der Dunkelheit will er seine Gemeinde zum Licht in der Krippe von Bethlehem führen.

Zwei Jahre später trifft er in Oberndorf bei Salzburg den Lehrer und Organisten Franz Xaver Gruber. Den bittet er, sein Gedicht zu vertonen, für zwei Stimmen mit Gitarrenbegleitung. Es soll einfach und volkstümlich klingen, ein Trostlied für die Menschen seiner Gemeinde, unter ihnen viele Schifferfamilien an der Salzach, die unter Armut und Hunger leiden. Am Heiligabend 1818 vor genau 200 Jahren singen die beiden das Lied zum ersten Mal in der Christvesper.

Von dort aus verbreitet es sich zunächst in Österreich. 1831 führt es eine Sängerfamilie aus Tirol mit großem Erfolg in Leipzig auf. Von da übernimmt es der Domchor in Berlin für die Christmette. Es wird zum Lieblingslied von König Friedrich Wilhelm IV und tritt von ihm gefördert seinen Siegeszug über die ganze Welt an. Bing Crosby singt 1934 in einer Weihnachtssendung im Radio eine englische Version. Sie verkauft sich 30 Millionen Mal.

Nach seiner Zeit in Oberndorf wirkt Joseph Mohr noch elf Jahre als Priester in Wagrain. Er lässt ein Schulhaus bauen, so dass die Kinder armer Leute die Schule besuchen können und setzt sich für soziale Belange ein, vor allem für die angemessene Versorgung alter pflegebedürftiger Menschen. Er stirbt mit 56 Jahren 1848 an den Langzeitfolgen der Tuberkulose, die er sich als Kind zugezogen hatte. Jedes Jahr zu Weihnachten singen Kinder in Wagrain das Stille-Nacht-Lied an seinem Grab zur Erinnerung an sein segensreiches Wirken.

IV.
In finsterer Zeit hat Joseph Mohr das Licht der Krippe erfahren und mit seinem Lied das Licht an zahllose Menschen weitergegeben. Wo das Licht der Geburt Christi leuchtet, da wirkt Gottes Segen in, mit und unter allen Dunkelheiten. Wir kommen ihm nahe in den Worten der Weihnachtsgeschichte, in den Weihnachtsliedern und in der Musik, in der Güte anderer Menschen und in der Güte, die wir anderen Menschen erweisen. Die Spuren seiner Liebe zeigen sich in unserem Leben und werden sich weiter zeigen, nicht an den finsteren Seiten des Lebens vorbei, aber getragen von seinem Segen durch sie hindurch. Das gilt für einen jeden von uns persönlich. Das gilt aber auch für die Herausforderungen, vor denen wir gemeinsam als Gesellschaft stehen. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Amen.

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